Man bezichtigt mich des öfteren, von der Norm abzuweichen. Ich kann dazu wenig sagen, ich selbst fühle mich relativ normal, außer wenn mein Bauch seine Last zu stark vorwölbt. Aber angesichts dieser groben Anschuldigung muß ich doch sagen, daß meine Wahrnehmung oft eine andere ist. Man mag mich exzentrisch nennen, aber rund um mich rum ist irgendwie immer das “Center of Freaks”. Was ich damit meine? Nun, gestern war so ein Tag, in dem irgendwie nur leicht bizarre Geschehnisse um mich rum passierten und zwar OHNE meine Beteiligung.
Ich ging zu meinem favorisierten Hühnchen-Mann, um dort, na was wohl, Grill-Huhn zu kaufen. Eine ewig lange Schlange zweier Personen tat sich auf. Ich war gewillt, angesichts der Aussicht auf ein vor Fett triefendes, leckeres Hühnchen der Wartezeit ins Auge zu sehen und stellte mich an.
Während des Vorgangs meines Anstellens bemerkte ich, wie sich Nummer eins der Schlange ebenfalls anstellte. Und zwar ziemlich. Es war ein älterer Herr, die oberen Haare blond gefärbt, aber irgendwie schlecht, denn rundrum war noch ein grauer Kranz zu sehen. Dafür war es aber glatt gefönt. Oder so gewachsen. Oder so gekauft. Wie auch immer, er tat ein bißchen schwuler und zeterte mit dem Hühnerverkäufer rum: “Der Salat ist immer zu kalt, kannst Du den nicht noch neben die Hühner stellen, damit er etwas wärmer wird?” Hm, ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob Grau-Blondie den Verkäufer duzte, aber passen würde es irgendwie. Der war sichtlich von der Rolle und versuchte, die diversen Spezialwünsche des Kunden zufriedenzustellen. Wer weiß, was vorher alles war, ich war froh, nicht alles mitbekommen zu haben. Die Dame, die vor mir stand, blieb erstaunlich gelassen dabei. Sie war etwas älter, Typ “Diva-Oma” und als sie rankam, sagte Sie: “Ich hätte gerne das dunkle Hähnchen da oben!” Sie zeigte auf die Mitte einer Reihe, aber irgendwie war ihr das auch nicht braun genug. Sie entschied sich für eins der Seitenhühner, aber der Verkäufer lehnte freundlich aber bestimmt ab, er könne nur Spieß für Spieß leer machen und nicht die halbfertigen Spieße von oben. Sie stellte zwar zurecht die Frage, ob es denn nicht sonst verbrennen würde, weil es wirklich schon recht dunkelbraun war. Aber der Verkäufer blieb dabei. Als er ihr ein Huhn einpackte, moserte sie die ganze Zeit rum, es sei zu hell (was es nicht war).
Als ich rankam, konnte ich natürlich nicht an mir halten und sagte: “Wenn sie das dunkelbraune da oben nicht will, nehme ich es.” Die Frau hatte mich zwar leider überhört aber der Verkäufer war so fassungslos, daß ich ihn beruhigen mußte: “Schon gut, war’n Scherz, ich nehme eins von den unteren, die sind alle dunkel genug.”
Die schönen Episoden schreibt doch das alltägliche Leben. Aber das war noch nicht alles. Bei dem Hühnerwagen gibt’s keine Pommes und ein Huhn ohne Pommes ist einfach nicht mundend! Jedenfalls geht es mir so. Ich brauche den Geschmack von Pommes UND Huhn im Mund (und zwar gleichzeitig, so viel wie gerade so eben in die Fresse paßt). Also latschte ich weiter zu unserem örtlichen Burger-Laden (dit jelbe Emm) und holte dort meine passende Sättigungsbeilage für das triefende Federvieh. Neben mir an der Kasse in der nächsten Reihe standen 2 ältere Damen, die eine hatte gerade aufgehört zu telefonieren und die Thekenfrau fragte: “Was soll’s denn sein?”
Unruhe überfiel die Frau vor der Kasse, sie drehte sich zu der anderen um und fragte: “Was wollen wir eigentlich?” Die sagte nur: “Na, die Wings.” Numero Uno drehte sich wieder um und bestellte: “Die Wings!” Die Dame hinter der Kasse sagte: “Das heißt bei uns Nuggets. Darf’s sonst noch was sein?” Nun fiel ihr doch wieder ein, wo sie war und was sie wollte und sie bestellte ein Wasser. “Wollen Sie vielleicht ein Menü?” Schweigen. “Das wäre mit Pommes.” Die Frau fast erbost: “Ja, natürlich will ich Pommes! Also ein Menü!” Aber es ging noch weiter: “Ein 6er oder ein 9er Nuggets?” Entnervt drehte sich No. 1 wieder um: “6 oder 9?” No. 2 war nun ebenfalls heftig genervt und blaffte: “Wat soll’s, 9!” Schließlich kam Nummer 2 dran und bestellte einen BigMac aber ohne Majonnaise und noch diversen Extrawünschen, ich verließ darauf das Etablissement und bekam dadurch nicht mehr die volle Auseinandersetzung mit. Und ich dachte immer, ich wäre pissy mit meinen Sonderwünschen.
Damit ist bewiesen: ich bin deutlich durchschnittlicher als so manch anderer. Allerdings könnte man auch sagen: Dit is Berlin, wa’?
Von pissy zu zickig ist ja kein weiter Weg, deswegen führen wir hier einen gar nicht so entfernten Themenwechsel ein. Denn es gibt einen neuen TV-Sender im TV-Kabel: Timm. FAB mußte weichen, was kein Verlust ist. Cymone liebt Timm, denn es ist ein Schwulensender und sie meint, sie hätte sowieso einen schwulen Geschmack. Kunststück als Frau. Mir bringt der Sender nicht viel. Sendungen, in denen die “heißeste Drag-Queen” gesucht werden, sind für mich als Hetero relativ unspannend, haben aber wenigstens noch einen gewissen unterhaltsamen Faktor. Nachts kommen obligatorische Sex-Filmchen, in denen es Männer miteinander treiben, ebenfalls unspannend. Ich meine, mir persönlich ist es egal, wer mit wem warum ins Bett steigt und es tut mir auch nicht weh, im TV sich küssende Männer zu sehen, es ist halt nur vergleichbar mit: Aquarium als Testbild. Kann ich gut bei einschlafen.
Aber: ich breche hier trotzdem ein paar Lanzen für diesen Sender, weil er anders ist. Ich bin nicht die Zielgruppe, deswegen darf er für mich eingentlich so öde sein wie er will. Trotzdem fand auch ich etwas erfrischendes, was mich wach hielt: die Nachrichten. Die News auf Timm sind wahrlich anders. Natürlich geht es um Homo-Themen, aber schon mit sehr politischer Sichtweise. Und interessanterweise verbarrikadiert man sich nicht in seiner eigenen Welt, es geht generell um Toleranz. Einmal gab es eine Meldung, bei der ein Hetero-Mann in Neuseeland aus einer Kneipe rausgeflogen ist, weil er dem Betreiber zu schwul aussah. Hätte ich auch als Frechheit empfunden. Dieser Mann tat mehr, er ging als Hetero zum Gleichstellungsbeauftragten der Schwulen und schwärzte den Laden an, da gab es richtig Ärger für den Betreiber.
Und auch, wenn die meisten dieser Nachrichten mich nicht betreffen, so finde ich es wichtig, zwischen dem einheitlichen Genudel unserer Medien (ARD: “Der Papst hat gehustet!” ZDF: “Der Papst hat geröchelt” RTL: “Papst gleichauf mit Grippekranken!” Sat1: “Papst bald krank”) mal andere Nachrichten zu sehen. Im Internet ist es ja schon lange so, daß man durch die Blogs geht und deutlich andere Dinge wahrnimmt, als Spiegel & Co. berichten. Schön, wenn es endlich TV-Sender gibt, die wirklich mal was anders machen. Denn meistens treten sie mit der Werbung an: “Bei uns alles anders!” (Dieser Satz kein Verb) Und dann ist es doch nur das gleiche Geblubber.
Aber: Die News sind immer noch nicht alles. In einer Vorschau sahen wir die Werbung zu einer Serie: Gay Army. Ein Drill Instructor der US Army soll aus 9 schwulen Männern (3 Dänen, 3 Schweden, 3 Norweger) echte Soldaten machen. In der Vorschau war es deutlich lustiger als in echt, weil der Kontrast der 9 Probanden zu dem schreienden Drillboy nicht größer ausfallen konnte. Leider schreit der Typ während der Veranstaltung nicht genug rum, er schont sie gewissermaßen. Schade eigentlich, hätte man auch lustiger hinkriegen können. Z.B. wie bei anderen Mitmachshows: wer als letzter durchhält, kriegt einen Preis, oder so, mit Zuschauervoting. Angesichts meiner eigenen Weicheirigkeit sah ich mich in manchen der Typen wieder, während sie das Klo putzen mußten oder so, da bekommt die Show tatsächlich einen Mitlights-Faktor. Oder um es anders auszudrücken: es ist irgendwie alles drin. Nur leider ist es als Comedy aufgemacht, also wohl nix richtig echt, deswegen verliert das Ganze dann doch ein bißchen. Aber nehmen wir mal an, es wäre ernster gemeint, dann könnten die Weicheier, die mehr Hang zu Lipgloss und Haarlack haben, mal die andere Seite des Lebens kennen lernen. Das ist doch sicherlich eine Erfahrung, die man nicht missen möchte, oder? In der Show gibt’s nur einen, der total aus der Reihe tanzt, die anderen bemühen sich. Und wenn man die Samthandschuhe des Drill-Instructors so sieht und daß sie trotzdem mitmachen, so kann ich nur sagen: Hut ab! Wer es schafft, fast alle diese Jungs zum durch den Schlamm kriechen (Zitat: “Meine Frisur!”) zu kriegen, dürfte jedem etwas beibringen können, nämlich den inneren Schweinehund zu besiegen. Vielleicht könnte man aus Gay-Army-Troops sogar eine echte Elite-Truppe machen? Ich meine, welcher Feind flüchtet nicht schreiend, wenn er weiß, daß diese Marines ihn nicht nur töten würden, sondern auch noch vorher ficken? Wäre mal ‘ne interessante Kriegstaktik gegen religiöse Gotteskrieger.
Aber bevor ich in das Klischee “kein Taliban kann je wieder sitzen” oder irgendwelche Seifen-Bück-Witze abdrifte und damit nahezu Null-Niveau erreiche, beende ich das lieber hier. Obwohl ich die falsche Zielgruppe bin, rufe ich Timm zu: weiter so! Besonders die News!
Kurzer Nachtrag: Hermes Phettberg wurde interviewt! Und war lustig wie eh und je! Klasse!
Letzte Kommentare