Hm, eigentlich ist der 3. Dezember schon fast rum, aber ich werde trotzdem mal den “heutigen Abend” erwähnen. Heute war Motörhead-Konzert in der Columbia-Halle in Berlin-Tempelhof. Ich muß sagen, ich habe Lemmy und seine Jungs (wohlgemerkt, andere Jungs, damals noch mit dem irren Tier als Schlagzeuger) das letzte Mal auf einem Festival gesehen, da war ich gerade so im Wechselbereich zwischen Kind und Jugendlicher. Ist also schon laaaange her. Nun dachte ich mir, mache ich mal was Nostalgisches und sehe mir den alten Sack an, bevor er noch plötzlich dahingerafft wird und man keins seiner Konzerte mehr genießen kann. Lemmy scheint jedes Jahr im Dezember nach Berlin zu kommen, jedenfalls sieht es aus wie eine Tradition.
Auf dem Weg zur Halle wurde ich mehrfach angelabert, ob ich nicht Karten zu verkaufen hätte. Was schließt der aufmerksame Leser daraus? Richtig: ausverkauft! Der Schwabe hatte rumgeeiert, ob er mitkommt, am Ende abgesagt, aber er hätte wahrscheinlich sowieso keine Karte mehr bekommen. Ich selbst bin zur Zeit etwas angeknockt (Erkältung), aber da das mit dem Ausverkauf nicht unüblich ist, hatte ich einen Monat vorher vorgesorgt und dann geht man natürlich auch halbtot noch hin. Zuerst spielte eine mir unbekannte Band, die ich auch beim Verkaufsstand nicht wirklich erblicken konnte. Da ich zu spät kam, hörte ich noch ihr letztes Lied, ein Motörhead-Cover. Schien ok zu sein. Als zweite Band kam dann Overkill. Die fielen mir vor allem wegen der Langeweile auf. Klar, sie machten Show ohne Ende und laut waren sie und die Bühne rappelte vor Bewegung und Licht. Aber die Musik war öde, wie eine schlechte Iron-Maiden-Kopie. Vor allem waren ihre fetten Stroboskope (bestimmt 2000 Watt, 5 an der Zahl) nervig. Die waren direkt ins Publikum gerichtet und der Lichtmann nutzte sie ausgiebig. Wer bisher keine Epilepsie hat, dürfte ihr jetzt ein Stück näher gekommen sein. Noch nie wurde meine Netzhaut dermaßen ausgeleuchtet, ein Atomblitz kann nicht schlimmer sein, selbst bei geschlossenen Augen hatte man das Gefühl, die Strobos quillen einem durch’s Auge direkt ins Hirn. Müßte man in irgendwelche Laser-Klassen einordnen. Wat war ich froh, als die Dinger in der Umbauphase verschwanden. Nix gegen Strobos, aber man kann alles übertreiben. In der Umbauphase ging ich zum Klo. Bzw., versuchte, dorthin zu gelangen. Ein Motörhead-Event ist vor allem eine Männer-Party, es sind zwar auch Frauen da, trotzdem ist die Männer-Pinkel-Schlange länger. Diesmal war die Bar schon einmal ins Trudeln gekommen, weil das Bierfaß alle war und das neue nicht schnell genug ankam und angesichts solcher Zustände mußte man das Zeug ja auch wieder loswerden. Ich stand also vor dem Klo, konnte den Eingang schon sehen, als diverse Leute der Meinung waren, bei ihnen “drückt’s”. Dementsprechend drückten sie und es entstand der erste Klo-Pogo meines Lebens. Als nach ewigem Gequetsche (wenigstens konnte man nicht umfallen) endlich das Klo in Reichweite war, kam ich in den Klo-Raum. Links sind die Sitzklos, eine Reihe Türen und rechts in U-Form die Pinkel-Becken angelegt. Hinter jedem Typen der pinkelte, standen 2-3 Leute, die warteten, daß der erste fertig wurde. Ein merkwürdiges Bild. Sätze wie “Aber nicht gucken” machten die Runde. Auf “So kann ich nicht” kam natürlich prompt der Druck von hinten: “Mach hinne, sonst piß ich Dir in die Schuhe.” Naja, nach dem Geschiebe aus dem Klo raus besah ich mir mal den typischen Motörhead-Fan. Klar gab es auch jüngere Fans, aber die waren deutlich in der Minderheit. Die Mehrheit dürfte so zwischen 35 und 50 gewesen sein und ich habe sogar grauhaarige Exemplare gesehen, die die 60 überschritten haben dürften. Aber trotzdem sahen sie noch cool aus. Ist eigentlich gut zu wissen: wenn ich mal im Pflegeheim sabbernd rumsitze kommt wenigstens gute Musik und nicht Mutantenstadl oder so. Schließlich stimmten auch diverse ältere Fans oft überein: “ROCK’N'ROOOOOLL! *HUALP*”
Ja, nach Kotze roch’s dann auch irgendwann. aber man ist ja trotz der Fülle an Menschen beweglich. Übrigens hatten sie sogar die oberen Ränge aufgemacht, was sie sonst in der Columbia-Halle eher selten machen. Schließlich kamen Motörhead. Lemmy machte eine schöne Ansage: “Guten Abend Berlin. We are Motörhead.” Wer hätte das gedacht? Ich nahm an, das ist die Metal-Version der Dallmayer-Werbung. Sie legten gut los und wenn ich mal vergleiche: die Band Overkill hatte vorher alles gegeben an Show und Lemmy macht wirklich wenig Aktion auf der Bühne, er steht rum und der Gitarrist läuft etwas hin und her. Manchmal schmeißt der Drummer ein paar Sticks hoch. Also keine Riesen-Show. Aber letztlich ist man wegen der Musik da, so loosen Overkill meiner Meinung nach stark ab, denn Motörhead haben einfach geile Songs. Obwohl manche ähnlich klingen, so reißt einen fast jedes Stück bei Motorkopf mit. Aber vielleicht ist der Vergleich unfair, die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, Ärsche auf mein Haupt.
Interessant ist auch, daß ich Motörhead als Kiddie lauter in Erinnerung hatte (muß ich mal mit meinem Ohrenarzt besprechen *hüstel*), vor allem, weil da Hirntote mit blutenden Ohren weggetragen wurden, weil sie unbedingt neben den Boxentürmen stehen wollten. Jedenfalls fragte Mr. Campbell, der Mann an der Gitarre, plötzlich, ob die Fans es nicht lieber lauter hätten? Welch Wunder, es kam natürlich ein gegröhltes Ja von den Rängen und meiner Meinung nach wurde es danach auch etwas lauter. Allerdings nicht so stark, daß einem die Ohren schmerzten. Eher litt der Sound darunter, diverse Stücke wurden dadurch etwas matschiger. Insgesamt muß ich diese Band ja mal loben: Die spielen live fast genauso wie auf Platte. Das mag daran liegen, daß sie im Studio nicht viel rumfeilen und den ersten Take nehmen (ich hatte die gleiche Haltung, als ich noch in ‘ner Band spielte, aber besonders Gitarristen wollen an allem rumfeilen *nörgel*), aber ich bin der Meinung, das ist alles völlig OK so. Lemmy war ein bißchen verwundert, daß so viele Becher durch die Gegend flogen, oftmals noch mit Resten an Inhalt. Da werden vor allem die Fotografen Spaß mit ihren Kameras gehabt haben, wenn so’n Bierrest auf das Gerät runterflutscht. Ich muß auch sagen, daß es mehr war als bei so manchem Punk-Konzert, dem ich beigewohnt habe.
Die Krönung lieferte eine Dame, die sich wellenmäßig mittels Fan-Hände über die Masse tragen ließ. Diese Stage-Diving-Nummern (in diesem Fall ohne Sprung von der Bühne, einfach nur von unten hoch) sind ja nix Neues. Aber diese langhaarige Blondine versuchte die ganze Zeit, ihren Oberkörper aufzurichten um noch ein bißchen dabei Headbanging zu betreiben. Und es klappte sogar mehrere Male! Bewundernswert! Schüttel Dein Haar für uns, Baby! Ja, diverse Begegnungen der dritten Art gab’s natürlich auch, aber der schrägste war ein Typ, der alle vollsabbelte mit dem Satz: “Heißt Du zufällig Frank?” Nach der Verneinung zog er suchend weiter. Nunja, Drogen sind nicht jedermanns Sache, oder wie? Tja, die Zugabe rollte an und Gitarrist und Drummer bezogen eine akustische Gitarre und Lemmy stellte sich ohne Baß hin und sang, dazu hin und wieder Mundharmonika spielend. Ich kannte das Lied gar nicht, aber es war cool. Danach kam natürlich die Krönung des Abends: Das Aß von Pik! Oh, Sorry, The Ace Of Spades natürlich… Mann, da war der Saal nicht mehr zu halten, rund um mich rum hüpfte es und ich stand schon woh
lweislich eher hinten. Am meisten wurde natürlich beim Zwischenteil mitgebrüllt:
“Und das ist der Weg, den ich mag, Kleinkind, Ich will nicht für immer leben”
Hey, dies ist ein deutschspachiges Blog!
Danach kam noch Overkill (mit dem Sänger von Overkill als Zusatz, Grmbl) und damit ließen sie den gelungenen Abend ausklingen. Und wo gibt’s das schon im Rock-Bereich, daß sich die Band beim Abschied geschlossen, Arm in Arm, verbeugt? Wer’s verpaßt hat: selbst schuld! Es war ‘ne geile Party!
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