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23C3: Erster Tag

2006-12-28

Nun läuft er also, der 23. Chaos Communication Congress. Das Chaos des Anstehens hatte ich einen Abend vorher schon versucht zu vermeiden, es war mir um 20 Uhr aber nicht vergönnt gewesen (ewige Schlange!), weswegen ich um 1:30 Uhr nochmal dort beim BCC auftauchte. Nach der Arbeit kam ich nun so gegen 18:30 an und die Schlange war immer noch nicht ganz abgeebbt. Wo bleiben eigentlich die ganzen Leute? Es ist zwar voll, aber nicht unbedingt gequetscht…

Nach der Genehmigung eines Kaffees besuchte ich die Veranstaltung eines Herrn Ulrich Wiesner, der über Wahlmaschinen und die rechtlichen Fragen drumrum erzählte. Eigentlich hätte ich mir gerne “The gift of sharing” von Gregers Petersen angehört, aber das war irgendwie Banane, zu öde. Nun also Wahlmaschinen. Herr Wiesner machte deutlich, daß unser Wahlrecht von der Verfassung und diversen unterstützenden Gesetzen geschützt sei und die Administration, also die Regierung, deutlich unterhalb dieser Ebene anzusiedeln ist. Das bedeutet, daß die Einführung von Wahlcomputern wohl illegal sein könnte, da sie den ehernen Prinzipien von freien Wahlen widersprechen: Geheimhaltung, Transparenz und Überprüfung der Wahl. Interessant war, daß eine Wahlbeschwerde gegen Wahlcomputer, die im September 2005 eingereicht worden war, im Mai 2006 (!) vom Innenminister abgelehnt worden war und dann im Dezember 2006 schließlich auch vom Bundestag. Beachtlich dabei ist natürlich nicht die Ablehnung an sich, die war vorherzusehen. Denn die sprechen sich ja nicht für ihre eigenen Taten schuldig. Heftig ist nur die Verzögerung: Einspruch gegen Ende des Jahres 2005, Bundestags-Entscheid mehr als ein Jahr später. Nehmen wir nur mal an, der Bundestag hätte anders entschieden, dann wäre die Regierung illegal gewesen und mit ihr alle in diesem Zeitraum beschlossenen Gesetze? Oder wie? Herr Wiesner will jetzt jeden Fall eine Verfassungsbeschwerde angehen und benötigt dafür noch 100 Unterschriften (siehe URL oben). Übrigens: auch der “Digital Pen” aus Hamburg entspricht nicht den Kriterien einer freien, geheimen und validierbaren Wahl. Was man gar nicht oft genug erwähnen kann: das Thema Wahlcomputer ist kein IT-Thema! Das geht uns alle an! Wahlcomputer, wie sie bisher eingesetzt wurden, bedeuten das Ende der Demokratie! Das sollte uns allen klar sein!

Im Anschluß an dieses Thema kam dann die holländische Sicht auf Wahlcomputer. Rop Gonggrijp, einer der Mitgründer von XS4ALL, zeigte, was man in Holland gegen Wahlcomputer unternimmt. Man hat dort eine Initiative gegründet namens Wij vertrouwen stempcomputers niet (Wir vertrauen Wahlcomputern nicht). Rop erwähnte am Anfang noch andere Initiativen, so z.B. Blackboxvoting und fing dann mit einem wahren Gag-Feuerwerk an. Irland hatte z.B. für 50 Millionen Euro Nedap-Wahlcomputer aus Holland gekauft… um sie dann nicht zu benutzen! Des weiteren führte er aus, daß Holland DAS Land schlechthin für Wahlcomputer sei, denn bis auf Amsterdam und einige kleinere Städte hatte man schon seit 1990 mit Wahlcomputern gewählt. Nach dem ganzen Trouble in den USA wurde es aber einigen zu mulmig. Nur weil in Amiland bei Wahlen von vorn bis hinten betrogen wurde, wollte man diese Zustände nicht einfach so im eigenen Land hinnehmen.

Also machten sie sich an die Arbeit. Sie forschten mittels Informationsfreiheitsgesetz bei den Regierungsstellen nach und kamen zu dem seltsamen Ergebnis, daß eine Wahlcomputer-Wahl in Amsterdam eine Million Euro teurer war als eine Papier-Wahl. Außerdem schien der ganze Wahl-Prozeß komplett outgesourced zu sein. Die Wahlcomputer-Firma verkaufte die Computer mittlerweile gar nicht mehr, sondern lieh sie nur aus und ließ sich den Service bezahlen. Noch finsterer: die Regierungsoffiziellen mußten sich die Wahl mittels Citrix-Clients auf den Servern der Firma ansehen, anonsten hatten die Regierungsleute mit der Wahl praktisch gar nichts mehr zu tun! Es kam, wie es kommen mußte: Rop & Co. besorgten sich so eine Maschine und hackten sie. Nicht nur, daß sie im Handumdrehen Eproms entwickelten, die bei Tests das richtige Ergebnis zurücklieferten (maximal 50 Stimmen), aber bei der richtigen Wahl dann das Ergebnis in Richtung einer Partei schummelten, nein: weil der Entwickler der Computer immer noch behauptete, das sei kein Computer, sondern eine Maschine, schließlich könne man darauf kein Schach spielen, brachten sie genau das dem Gerät bei. Der Wahlcomputer spielte also Schach. Dann gab es einen TV-Bericht, wo die Initiative zeigte, daß man einfach an die Wahlcomputer rankam, die standen in einem relativ unbewachten Lagerhaus und die freundliche Dame rückte auch glatt welche raus, schließlich war ja das Fernsehen dabei. Dabei wurde auch erwähnt, daß Sicherheit nicht nötig sei, da das Lagerhaus in einer Drug-Dealer-Gegend sei und sich eh keiner nachts dorthintraut… Das Ganze wurde immer verrückter und explodierte in den Medien geradezu. Zuerst war die Politik geschockt, nicht etwa, daß Wahlcomputer die Demokratie zerstören könnten, sondern weil die Initiative von Rop & Co. an die Geräte gekommen waren! Dann versuchten sie, die Initiative zu loben, damit diese sich für die Wahlgeräte einsetzen würde. Schließlich kippte das Ganze dermaßen, daß Dutzende Spinner im Fahrwasser der Initiative mitschwammen (Die Wahlcomputer seien von Aliens ferngesteuert wie auch die Regierung) und es eine herbe Regierungskrise gab, man wollte glatt die nächsten Wahlen verschieben. Schließlich ging man zurück zu Stift und Papier. Nun haben wir das Problem an der Backe. Eine der Nedap-Maschinen konnte vom holländischen Geheimdienst durch Wände beobachtet werden und verlor auch noch ihre Wahl-Klassifizierung. Deshalb kann Nedap praktisch in Holland diese Geräte nicht mehr verkaufen. Und jetzt kriegen wir den Dreck an die Backe. Wobei man diesen Leuten wahrscheinlich nocht nichtmal Schlimmes vorwerfen kann. Ich muß sagen, daß Rop trotz der Widrigkeiten immer auch ein Ohr für die andere Seite hatte, also durchaus ausgewogen war, die ganze Nummer. Nun liegt es an uns, dem Sieg der Holländer gegen Wahlmaschinen nachzueifern. Das drängt, denn nun kommen US-Firmen wie Diebold auf den deutschen Wahlcomputer-Markt und wie diese Hersteller total verkacken, sieht man quasi bei jeder US-Wahl. Mal sehen, was da noch alles kommen wird…

Zwischendurch war ich immer mal wieder gucken, was es so alles gab, so z.B. eine Multi Touch Console Multi-Touch-Console, mit der man diverse Punkte auf einem Display gleichzeitig ansteuern kann. So könnte man z.B. große Studio-Mixer emulieren. Die Technik schien einfach zu sein: unten ein Beamer und eine Infrarot-Kamera als Abtaster, coole Wurst.

Dann tauchten natürlich, wie letztes Jahr wieder die üblichen Use More Bandwidth “Use More Bandwidth”-Schilder auf. Ich habe mich extra bemüht, ein künstlerisch aufgeklebtes Teil zu finden.

Als l

etzten Beitrag hörte ich mir “Digitale Bildforensik” von Matthias Kirchner an. Obwohl der Beitrag manchmal etwas dröge in die Mathematik abrutschte, war er doch recht lehrreich. Ich wußte z.B. nicht, daß man schon um 1900 rum mit Bildmanipulation rumgespielt hatte. Heute ist das natürlich pipieinfach dagegen. Das Fälschen an sich ist mittlerweile gesellschaftsweit akzeptiert, es gibt sogar Tools, die die Personen auf den Bildern aufhübschen usw. Herr Kirchner zeigte nun an einigen Algorithmen, wie man Fälschungen aufspüren kann und wie man Bilder exakt einer Kamera zuordnen kann. Ich war sehr beeindruckt, hier scheint es kein Entrinnen zu geben, auch hier kommt es irgendwann zur Totalidentifikation. Das einzige was man anonym dagegen halten kann, wäre: Foto ausdrucken und einscannen. Aber wenn Kameras irgendwann Wasserzeichen einführen, wird selbst das hinfällig. Erstaunlich!

Zum Schluß noch ein paar Bild-Impressionen:

Zu guter Letzt noch ein Hinweis:

am 28.12. ab 19 Uhr steigt eine Party in der Tucholski-Str. 48. Veranstalter sind die Leute vom Linux-Tag, also alle Linux-Interessierten: nix wie hin da! Ich gehe nun ins Bett…

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