Heute kam eine Heise-Meldung zu einer Microsoft-Novell-Zusammenarbeit im Linux-Bereich wie ein Paukenschlag. Die Vermutungen, daß Microsoft bei ständigen Verlusten an das Linux-Lager irgendwann einschreiten würde, gab es schon lange. Die Frage war nur: wann wird sich Goliath gegen David zur Wehr setzen? Bisher war das Schema ja sehr Gandhi-like:
- Zuerst ignorieren sie Dich.
- Dann machen sie sich über Dich lustig.
- Dann bekämpfen sie Dich.
- Dann gewinnst Du.
Phase 1 begann ja schon recht früh, ich denke, bemerkt haben werden sie Linux, als auch ich darauf aufmerksam wurde. 1995 war ich ja noch FreeBSD-Nutzer und setzte Linux kaum ein. Dann kam aber die Firma VMWare und versprach, das Windows-System unter Linux laufen zu lassen. Es gab vorher schon Ideen, es andersrum zu machen, aber das macht natürlich keinen Sinn. Das schwache, vervirte System sollte immer auf dem sicheren aufsetzen. Wird dagegen Linux emuliert, ist es durch den schwachen Windows-Unterbau ja mitgefährdet. Jedenfalls gab es so eine Möglichkeit unter FreeBSD nicht, was mich zu einem Schwenk zu Linux veranlaßte, den ich bis heute nicht bereut habe. Die anfangs chaotische Linux-Welt entwickelte sich mit einem Mords-Tempo weiter, bis ich ab 2001 gar kein Windows mehr brauchte. So weit ist FreeBSD bis heute nicht.
Phase 2 und Phase 3 verwischen ein wenig. Phase 3 wurde vorsichtig im Jahr 1998 eingeläutet. Ein internes Microsoft-Dokument wurde geleakt, in dem klar die drohende Gefahr für das Unternehmen Microsoft behandelt wurde.
Zu dem Zeitpunkt, als ich mein letztes Windows in die Tonne trat, ließ Microsoft Anzeigen schalten, daß Linux ja mutieren könnte, dazu schöne Bilder von Pinguinen mit Geweih usw. Das ist eigentlich Phase 2. Dumm nur, daß Mutation evolutionär gesehen, was Positives ist und man das besonders am statischen Windows sehen kann: die Bedrohung durch mutierende Viren nimmt nämlich weiterhin zu, man könnte also sagen, daß derjenige, der mutiert, gewinnt.
Seit 2003 war Steve Ballmer einer derjenigen, der auf einmal lautstark Front gegen Linux machte, also im Grunde nun wirklich auch nach außen Phase 3. OK, das Wort “lautstark” ist nun im Zusammenhang mit “Dancing-Steve” eigentlich kaum erwähnenswert, der ist ja immer laut. Trotzdem fiel die Sache auf, besonders nachdem die Firma SCO versuchte, Unsicherheiten in den Linux-Markt zu bringen, indem sie IBM wegen Linux-Nutzung verklagte. Überhaupt war es seltsam, daß auf einmal viele Firmen auf Linux setzten und auch diverse Verwaltungen von Städten und Kommunen. Ich selbst sehe den Kampf in der täglichen Statistik meines Web-Servers: der Internet-Explorer nimmt ständig ab und dümpelt nun zwischen 50 und 60% rum. Und dabei nutzen viele User den Hauptkonkurrenten Firefox unter Windows. D.h., Microsoft verlor sogar auf Windows-Gebiet an Boden. Dazu kam dann noch OpenOffice und die Firma Sun verkündete frech: “Software sollte nichts mehr kosten”. Novell kaufte SuSE und damit hatte SuSE auf einmal einen um 300% erweiterten Kundenkreis. Daß in Redmond nun die Alarmglocken schrillten, wundert also niemanden. Deshalb gibt es nun den Versuch, den größten Linux-Distributor zu umarmen. Dumm nur, daß es Novell seit der SuSE-Übernahme besser geht, so einfach den Laden kaufen ist dann doch etwas teuer. Ob die Umarmung etwas bringen wird, wird sich zeigen. In diesem Flash-Filmchen ist jedenfalls “Develop-first”-Steve mit von der Partie und erläutert seinen Standpunkt. Wie immer, etwas anders als andere CEOs (ich mag den Mann eigentlich, der macht eine Spitzenshow! Nicht so dröge wie Bill Gates). Das ganze Ding ist etwas öde und lang, aber man kann ja vorspulen (im mplayer zumindest).
Nun stellt sich die Frage: wie reagieren die Hirnlos-Medien? Also die, die von IT Null Ahnung haben. Da wäre CNN. Im TV gab es die wörtliche Schlagzeile “Microsoft-Novell deal to let Linux run on Windows”, das haben sie sich glücklicherweise auf den Webseiten geschenkt. Denn schließlich wäre man damit wieder bei oben beschriebenen Problem: es macht keinen Sinn, das starke und sichere Linux auf einem vervirten Windows-Rechner laufen zu lassen. Andersrum natürlich schon eher. Aber dafür gibt’s schon länger das WINE-Projekt mit dem man Windows-Software unter Linux laufen lassen kann. Natürlich ist auch das ein zweischneidiges Schwert, denn so lassen sich ja auch Viren mitemulieren. Ich selbst lege mir für jede Windows-Applikation, die ich ausprobiere (meistens Spiele, der einzige Markt, in dem Linux saugt und Windows klar die Nase vorn hat), einen eigenen Benutzer und ein eigenes Verzeichnis an, damit bösartige Software zumindest ein Minimal-Jail hat, aus dem sie nicht rauskommt. Das ist natürlich aufwendig und im Zuge der Bequemlichkeit werden wir also durch Emulation von Viren durchaus auch Dreck in Linux-Systemen finden. Aber ich schweife ab, sorry. Auch die NZZ ist der Meinung, daß “Linux nun Windows-kompatibel” wird. Gott bewahre! Niemand will die Virenproblematik auf stabilen Systemen! Ich hatte ja gerade schon die Probleme mit obigen Wine-Tools beschrieben. Würde man das konsequent weiterdenken, daß Software wirklich für beide Plattformen gleichzeitig entwickelt würde, kann ich nur davor warnen, sich Closed-Software auf Linux-Systemen hinzugeben. Der größte Sicherheitsgewinn bei Linux kommt natürlich klar durch die Idee der “Open Source Software”, weil man hier Probleme nachvollziehen und zur Not auch selbst ändern kann.
All diese Schlagzeilen lassen mich vermuten, daß der Hase hierhin laufen soll: Microsoft entwickelt mit Novell zusammen Tools wie MS Office, die dann nativ unter Linux laufen. Also der Versuch, Kauf-Software in Linux-Systemen zu etablieren. An sich nichts schlechtes, aber gefährlich, da Closed Source. Als Fazit bleibt ein gemischtes Gefühl: einerseits ein Hammer, daß der Erzfeind sich in solche Tiefen herabbegibt, andererseits die Gefahr der zerquetschenden Umarmung. Gut, daß Novell nur einer von vielen Linux-Distributoren ist und der größte Batzen, die Debian-Community (die übrigens auch bei Firmen am häufigsten eingesetzt wird, außerdem findet sich hier ein netter Beitrag des ZDF über Debian) kaum käuflich ist. Jedenfalls wird es nun sehr interessant werden. Und wer der Meinung ist, daß Microsoft dadurch untergehen wird, dem sei gesagt: Diese Firma hat mehr Schütte rumliegen, als Kalifornien Schulden hat. Die sind also sehr flexibel und können Durststrecken lange durchhalten. Außerdem sind sie oft totgesagt worden und selbst die ständige Überflutung durch Viren und andere Angreifer nimmt der Standard-Windows-Nutzer so hin (die meisten wissen gar nicht, daß Virenscanner kaum noch etwas bringen) und kauft sogar Software nach. Alleine diese Erziehung der eigenen Kunden in Richtung Masochismus ist Microsoft exzellent gelungen. Für einen Kapitalismus, in de
m der Kunde für die eigenen Schmerzen auch noch bezahlt, muß man Billy & Steve einfach bewundern! Die wird es bestimmt noch lange geben, selbst, wenn es gar kein Windows mehr geben sollte. Wir sind also von Phase 4 noch Jahrzehnte entfernt!
Im Zuge der Open-Source-Nummer muß man auch mal die Vorkämpfer für eine freie Welt erwähnen. Harald Welte, einer der netfilter-Entwickler macht sich sogar rechtlich für die Durchsetzung der GPL stark, indem er Router-Hersteller verklagt, wenn sie netfilter-Dinge nutzen, ohne die Quellen mitzuliefern. Sein Blog ist recht lesenswert, wenn man sich für offene Software und die Technik dahinter interessiert. Aber da er auch mehr auf dunklere Kultur steht, kommen auch so nette Dinge wie ein Besuch des QNTAL-Konzerts drin vor, welches wir uns dieses Mal geschenkt hatten. Schlimm ist allerdings, daß er es fast als vertane Zeit ansieht, die man auch produktiver hätte einsetzen können. Nichtsdestotrotz kann er den Spaß an diesem Konzert nicht verbergen, folglich hoffe ich mal, daß er zwischen Arbeit und Freizeit trennen kann.
Und für die, die das hier während ihrer Arbeitszeit lesen, die also Spaß und Maloche unter einen Hut bringen müssen/wollen, die bizarre Meldung der Woche. Das ist dermaßen abgefahren, das kann ich so nicht wiedergeben. Des Englischen nicht-mächtigen Personen empfehle ich sowas wie Babelfish zur Übersetzung.
Und noch einmal: der Werbehinweis auf die Terminseite. Immer dran denken: Cymone wird am 12.11. im Duncker-Club zwischen 13 und 18 Uhr diese selbstgemachten Accessoires verkaufen!
Unbedingt vormerken und vorbeikommen! 
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